Projekt: Leseförderung auf 4 Pfoten

Yasmina und ihre Briard-Hündin Bonny haben wir letztes Jahr bei einer Krimitour kennengelernt und fanden Hund und Frauchen direkt symphatisch 😀. Im Gespräch erfuhr ich von der “Leseförderung auf 4 Pfoten” und fand das Thema so spannend, dass ich um ein Interview bat.

Liebe Yasmina, stell Dich und deine Bonny bitte kurz vor.

Mein Name ist Yasmina Förster, ich bin 27 Jahre alt und arbeite in der Kinderbibliothek Offenbach mit meiner 3 jährigen Briard-Dame Bonny zusammen. Bonny unterstützt mich tatkräftig bei unserem Projekt „Leseförderung auf 4 Pfoten“.

In der Kinderbibliothek Offenbach spielt Bonny eine tragende Rolle. Um was geht es bei der Leseförderung auf 4 Pfoten?

Unser Projekt unterstützt Kinder im Grundschulalter bei Problemen beim Lesen und vor allem beim Vorlesen. Mit Hilfe von Bonny sollen sie wieder Freude am Lesen vermittelt bekommen. Denn die Anwesenheit von ihr wirkt auf die Kinder beruhigend und hilft Ihnen dabei Lesehemmungen abzubauen, Sicherheit und Selbstvertrauen zu gewinnen und Spaß am Lesen zu entdecken. Zahlreiche Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Anwesenheit eines Hundes, gerade in Stresssituationen, Blutdruck und Puls senkend sein kann.

Die Leseförderung ist eine Einzelförderung. Das heißt ein Kind liest Bonny ausgewählte, auf seine Fähigkeiten abgestimmte Geschichten vor. Bonny liegt meist sehr eng neben dem Kind und hört ruhig zu. Ich begleite das Kind während der Leseförderung und bin für aufkommende Fragen da oder wenn das Kind bei einem besonders schweren Satz kurz ins Stocken kommt. Ich kritisiere die Kinder nicht und unterbreche auch bei kleinen Fehlern nicht. Mir ist es wichtiger, dass die Kinder im Lesefluss bleiben und keine Angst davor haben Fehler zu machen. Nach dem Vorlesen gibt es dann ein Spiel mit Bonny und dem Kind. Hier geht es dann darum spielerisch das eben gelesene nochmal mit inhaltlichen Fragen zu überprüfen und aufzuarbeiten. Hier hilft uns Bonny dabei die Fragen z.B. zu würfeln, zu apportieren, zu ziehen etc. Ich habe momentan 45 Spiele im Sortiment, die ich je nach Wunsch ganz individuell einsetzen kann.

Alessia hat das Kommando “Bonny würfel” gegeben.

Welche Ausbildung ist für die Aufgabe von Bonny notwendig und welche Ausbildung hast Du mit ihr absolviert?

Wir haben für unseren Einsatz eine Schulhundteamausbildung absolviert und besuchen auch noch regelmäßig verschiedene Seminare um uns als Team weiterzuentwickeln und die Bindung noch mehr zu stärken.

Warum war es Dir wichtig die Schulhundteamausbildung zu absolvieren?

Mir war es wichtig die Ausbildung mit Bonny zu absolvieren um eine Qualifikation vorweisen zu können und mich auch über die Arbeit der hundegestützten Pädagogik weiter zu bilden. Ich stehe sehr eng im Kontakt mit den Pädagogen und kann jederzeit Einsatzmöglichkeiten und Ideen besprechen. Außerdem bin ich der Selbstverpflichtung des Schulhundwebs beigetreten. Die Selbstverpflichtung ist zurzeit das einzige bundesweit geltende Gütekriterium, dem sich Hupäschlerinnen (Hundegestützten Pädagogik in der Schule) anschließen können, um einen qualifizierten Einsatz von Hunden in der Schule zu verdeutlichen.

Wo hast Die Ausbildung absolviert?

Ich habe meine Ausbildung bei Schnauzenwelt geht in die Schule in Riedstadt absolviert und kann diese Schulhundteamausbildung jedem ans Herz legen. Ich habe in dieser Zeit so viel über das Verhalten meines Hundes, über Stressvermeidung während dem Einsatz aber auch über meine Aufgabe als Hundeführerin gelernt. Ich habe mit Bonny eine praktische sowie eine schriftliche Prüfung erfolgreich absolviert.

Wer kam auf die Idee von diesem „Projekt“?

Ich bin mit Hunden aufgewachsen und habe schon in meiner Ausbildungzeit die Idee im Kopf gehabt einen Hund in einer Bibliothek für Kinderveranstaltungen einzusetzen. Mir kam dann die ausschlaggebende Idee beim Surfen im Internet.

Es gibt schon seit Jahrzenten in Amerika und Canada Projekte die Hunde für die Leseförderung einsetzen. Im Netz fand ich dann das Projekt von Kimberly Grobholz. Sie hat den Lesehund Verein ins Leben gerufen und bietet regelmäßig Seminare zum Thema an. Als klar war, dass ich einen Hund für meine Projektidee einsetzen darf, besuchten Bonny und ich ihr Seminar in München. Wir erfuhren sehr viel über die Arbeit der Lesehunde. Wir waren zu dem Zeitpunkt das erste offizielle Lesehundteam in Deutschland aus einer Bibliothek. Da mir aber der aktive Einsatz des Hundes in der Leseförderung auch sehr wichtig war und ich unser Projekt eher in der Hundegestützten Pädagogik sah, begann ich meine Ausbildung bei Schnauzenwelt und ließ mich und Bonny zum Schulhundteam ausbilden.

Wie hat die Stadt Offenbach als Arbeitgeber auf deine Idee reagiert?

Sehr positiv. Ich hatte, bevor ich das Projekt vorstellen durfte, ein Konzept erstellt und der Leitung vorgelegt. Jeder Kollege und jede Kollegin musste zustimmen. Ich habe einen Hygieneplan erstellt und ganz klare Regeln festgelegt (Hund darf nicht in die Küche oder Bad, Hund darf ohne Zustimmung der Kollegen/Innen nicht frei in den Büros rumlaufen etc.). Nach eingehender Prüfung durch das Personalamt und den Magistrat, stimmte auch der Oberbürgermeister zu und ich bekam das Okay. Ich war natürlich überglücklich.

Seit wann ist Bonny im Einsatz?

Bonny ist seit September 2015 offiziell im Einsatz.

Auf Kommando von Alessia nimmt Bonny den Deckel ab und Alessia muss eine Frage zu der entsprechenden Nummer unter dem Deckel beantworten.

Wie dürfen wir uns Bonny´s Arbeitswoche vorstellen?  

Zweimal die Woche bieten wir dann unser Nachmittagsprogramm an. Das heißt hier können Eltern ihre Kinder für die Leseförderung auf 4 Pfoten anmelden. Im zweiten Stock der Kinderbibliothek haben wir einen eigenen Veranstaltungsraum. Wir haben 2016 mit unserem Projekt den Hessischen Leseförderpreis gewonnen und durften mit dem Preisgeld den Veranstaltungsraum einrichten.

Ansonsten besuchen wir einmal die Woche die ortsansässige Erich-Kästner-Schule. Die Grundschule mit dem Förderschwerpunkt Sprachheilförderung ist schon von Anfang an unser Kooperationspartner. Die Klassenlehrer haben dort die Möglichkeit drei Kinder für die „Leseförderung auf 4 Pfoten“ anzumelden. Bonny und ich dürfen dann die Kinder für die halbe Stunde Einzelförderung aus dem Unterricht abholen. Das allein macht die Kinder schon sehr stolz, denn sie werden natürlich von den anderen ein wenig beneidet. Für Kinder mit geringem Selbstbewusstsein ist es dann auch toll nach der Leseförderung in die Klasse zu kommen. Denn sie können erzählen, was sie erlebt haben und kommen mit ganz verschiedenen Klassenkameraden ins Gespräch. Immer wieder erzählen mir die Lehrer, dass sie vor aber auch gerade nach der Einzelförderung mit Bonny eine positive Veränderung bei ihren Schülern feststellen.

Bonny geht fast jeden Tag mit in die Bibliothek und ist eine Art Maskottchen für die Kinderbibliothek geworden. Die Leser freuen sich riesig, wenn Bonny mal hinter der Theke liegt oder verschiedene Fotos von ihr bei Buchausstellungen zum Einsatz kommen.

Wie gehst Du mit Bonny vor, wenn ein Kind das erste Mal Bonny vorliest?

Beim ersten Termin dürfen die Eltern immer mit dabei sein. Das heißt die Kinder sind nicht ganz allein, wenn sie das erste Mal zur Leseförderung kommen. Ich erkläre Ihnen kurz eins zwei Regeln zum Verhalten von Bonny und starte meist mit einem Spiel. Dieses Spiel hilft den Kindern schon sehr. Denn so lernen sich Kind und Hund spielerisch kennen. Danach lesen wir gemeinsam 15-20 Minuten. Die Kinder dürfen beim ersten Termin selbst entscheiden, ob der Hund neben ihnen liegen darf oder nicht. Zum Schluss gibt es dann noch ein Spiel und das Kind hat die Möglichkeit zu entscheiden, ob es weitere Termine vereinbaren möchte.

Multiple Choice Fragen und am Ende entsteht das Lösungswort.

Wie viele Termine und einzelne Stunden haben die Kinder mit Dir und Bonny? 

Beim ersten Termin wird gemeinsam geschaut, ob Bedarf besteht. Jedes Kind bekommt nach dem ersten Termin eine Sammelkarte. Nach jedem Termin mit Bonny werden Sticker gesammelt. Bei fünf Stickern ist die Sammelkarte voll und das Kind bekommt als Dankeschön eine Kleinigkeit geschenkt. Wenn ich das Gefühl habe, das Kind hat weiteren Bedarf, kann ich nach Absprache mit den Eltern noch einmal fünf Termine vereinbaren. Momentan sind wir jedoch bis nach den Sommerferien ausgebucht. Eltern können ihre Kinder gerne nach den Sommerferien wieder anmelden.

Jedes Kind bekommt die Möglichkeit fünf Termine zu reservieren. Jeder Termin dauert eine halbe Stunde. Die Nachmittagsveranstaltungen finden Mittwoch von 15:30-16:00, 16:00-16:30, 16:30-17:00 Uhr statt. Donnerstag finden die Veranstaltungen von 16:00-16:30 Uhr und 16:30-17:00 Uhr statt.

Können nur Kinder aus der Stadt Offenbach sich bei Euch anmelden oder aus von außerhalb?

Bei uns kann sich jedes Kind anmelden, egal ob es direkt in Offenbach oder außerhalb wohnt.

Was gefällt Dir mit Bonny an deiner Arbeit?

Mir gefällt die positive Entwicklung der Kinder am meisten und die Reaktionen, wenn Bonny im Raum ist. Am Anfang sind die meisten Kinder noch ganz schüchtern und von Mal zu Mal merkt man einfach, wie sie langsam aus sich rauskommen und wie sehr ihnen die Anwesenheit des Hundes dabei hilft. Auch Kinder die am Anfang etwas hibbelig sind, profitieren von der Anwesenheit des Hundes. Bonny wirkt auf sie sehr beruhigend und ihnen fällt es plötzlich leichter sich zu konzentrieren. Ich durfte in der Vergangenheit bereits so viele tolle Kinder kennenlernen und bin sehr dankbar über die zahlreichen positiven Rückmeldungen. Ich habe in dem Projekt „Leseförderung auf 4 Pfoten“ wirklich meinen absoluten Traumberuf gefunden.

Fast hätte Alessia die süße Bonny mit nach Hause genommen:-)

Was ersetzen diese Lesestunden nicht?

Ganz klar muss man aber auch sagen, dass unser Angebot Grenzen hat. Ein Termin mit Bonny ist keine Alternative für eine mögliche Logopädie, eine Ergotherapie oder psychologische Unterstützung.  Falls die Lehrer/Betreuer eines Kindes der Meinung sind, das Kind benötigt diese, sollte man sich bitte an den Kinderarzt wenden.

Vielen lieben Dank für das umfangreiche Interview! Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg und Spaß bei Eurem Projekt und vielleicht ist dieses Interview ein Anreiz für MitarbeiterInnen von Kinderbibliotheken oder Stadtbüchereien dieses Projekt bei sich einzuführen.

 

 

 

 

 

 

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